Gabriel A. Goldberg, M.A.
Gabriel A. Goldberg, M.A.

Mehr als ein Drittel der Bibel ist prophetischer Text. Man würde daher erwarten, Bibelgläubige hätten ein großes Interesse an Prophetie.

Viele lesen die Propheten mit Wertschätzung, u. a. für die Verheißungen der Endzeit-Erlösung. Sie sind sich der prophetischen Zeichen bewusst, die das Bevorstehen der Kejz Hajamim (das Ende der Tage) anzeigen: Die Juden warten auf das Kommen des Messias, die Christen auf dessen Wiederkunft. Ein weiteres großes Thema der Endzeit-Prophetie ist die Rückkehr des jüdischen Volkes in ihr uraltes Land.

Umgekehrt entscheiden sich viele Christen aus etlichen Gründen dagegen, die Propheten zu studieren oder ignorieren sie: 1) Einige bestreiten rundheraus, dass die Prophetien, die sich mit der Wiederherstellung Israels befassen, irgendeine Bedeutung haben. Sie glauben, die Kirche habe Israel ersetzt. Und die Existenz des heutigen Israels ist für sie schlicht eine säkulare, politische Entwicklung und keine biblisch-prophetische Erfüllung. 2) Andere sagen, es gäbe so viele verschiedene Interpretationen der Prophetien, oder sie seien so schwierig zu verstehen, dass man das Thema besser umschifft. „Abwarten und sehen“, sagen sie, und ziehen es vor, sich auf die so genannten wichtigeren Glaubenslehren zu konzentrieren, statt auf kontroverse Themen. 3) Wieder andere werden abgeschreckt von der Sensationslust, die häufig die Lehre über Endzeit-Prophetie begleitet. Ungenaue Voraussagen und übertriebene Behauptungen von vermeintlichen Experten haben das Studieren von Prophetien in Misskredit gebracht.

Die beiden letztgenannten Ansätze führen dazu, sich mit den Prophetien aus Bequemlichkeit oder sogar aus Gleichgültigkeit nicht zu beschäftigen. Der erstgenannte Ansatz – er fußt auf einer religiösen Zessions- und Enterbungslehre (oder schlicht Ersatztheologie) – geht insofern weiter, als dass er die unmittelbare Bedeutung des biblischen Texts verwirft und Prophetien ablehnt, die von der Zukunft Israels handeln. Alle 3 Ansätze stehen dem Rat der Bibel zu diesem Thema entgegen und unterminieren die Wichtigkeit und Gültigkeit von Gottes Wort.

Die Wahrheit steckt in den Details

Eine der größten Herausforderungen für die Ersatztheologie ist die bedeutende Anzahl detaillierten prophetischen Texts, der sich spezifisch mit der Wiederherstellung Israels befasst. Die übliche Taktik, die Prophetien zu vergeistlichen oder zu verallgemeinern, und dadurch die Details zu übergehen, erfordert einen Sprung in der Logik, den offensichtlich viele Verfechter bereit sind zu machen. Doch mangelt es ihnen an einer vernünftigen Erklärung, warum Gott sich überhaupt die Mühe machte, Israel solche Details in der Bibel zu überliefern, wenn sie nicht erfüllt werden sollen wie geschrieben. Merkwürdigerweise stellen die Enterbungslehre-Verfechter die positiven Prophetien über Israel als erfüllt dar – im „geistlichen Israel“ (ihrem Euphemismus für die Kirche) oder in Jesus. Die Prophetien über die Strafen jedoch heben sie bequemerweise auf – als auf Israel wörtlich und physisch zutreffend.

Ein sehr bekannter Ersatztheologe (und Fürsprecher für die palästinensisch-arabischen Gebietforderungen gegen Israel, sowie vehementer Kritiker der christlichen Zionisten), Rev. Colin Chapman versucht, die Schwierigkeit der detaillierten Prophetien über Israels Wiederherstellung zu lösen. In seinem Buch Whose Promised Land? behauptet er, die Prophetien über die Rückkehr der Juden in ihr Land bezögen sich auf die Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft im 6. Jahrhundert v. Chr. Mit anderen Worten, die Prophetien seien vor rund 2500 Jahren erfüllt worden und hätten für die heutige Zeit keinerlei Relevanz mehr. Obwohl er die Bibel wörtlich zitiert, ist seine Analyse oberflächlich. Er führt nur an, was seine Theorie unterstützt und lässt weg, was sie offensichtlich widerlegt.

Nur kurz zitiert er Hesekiel 39, geht dabei aber über die Details hinweg. Und genau das ist das Problem. Hier Hesekiel 39, 25-29:

„Darum, so spricht der Herr, Herr: Nun will ich das Gefängnis Jakobs wenden und mich des ganzen Hauses Israel erbarmen und um meinen heiligen Namen eifern. Sie aber werden ihre Schmach und alle ihre Sünde, damit sie sich an mir versündigt haben, tragen, wenn sie nun sicher in ihrem Lande wohnen, dass sie niemand schrecke, und ich sie wieder aus den Völkern gebracht und aus den Landen ihrer Feinde versammelt habe und ich an ihnen geheiligt worden bin vor den Augen vieler Heiden. Also werden sie erfahren, dass ich, der Herr, ihr Gott bin, der ich sie habe lassen unter die Heiden wegführen und wiederum in ihr Land versammeln, und nicht einen von ihnen dort gelassen habe. Und ich will mein Angesicht nicht mehr vor ihnen verbergen, denn ich habe meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen, spricht der Herr Herr.“ 

Wenn diese Prophetie zu Zeiten der Rückkehr aus Babylon erfüllt worden wäre, dann wären keine Juden im Exil geblieben Es heißt: „[Ich] will mich des ganzen Hauses Israel erbarmen“ und „[da ich] nicht einen von ihnen dort gelassen habe“ (Verse 25 und 28, Hervorhebung von mir). Die aus Babylon Zurückgekehrten, inklusive Esra und Nehemia, waren jedoch eine Minderheit. Die meisten Juden blieben in Babylon und blühten dort während Generationen auf. Die babylonische Zerstreuung endete erst im letzten Jahrhundert (!), als die übrig gebliebenen 135.000 irakischen Juden vor der arabischen Verfolgung nach Israel flohen.

Die Details zeigen, dass sich Hesekiels Prophetie keinesfalls vor 2500 Jahren erfüllte und sich auf einen späteren Zeitraum beziehen muss. Dasselbe gilt für andere Propheten, die über ihre eigene Zeit sprachen, aber auch über die Endzeit-Erlösung Israels.

Gottes Wort in Zweifel ziehen

Enterbungslehre-Verfechter und andere, die biblische Prophetien ablehnen, außer Acht lassen, oder schlicht umgehen, ziehen Gottes Wort – seine Bedeutung, seine Zuverlässigkeit und seine Wirksamkeit – in Zweifel.

Boy read Holy BibleEine besondere Prophetie, und ein Schatzfund von Verheißungen für die Wiederherstellung Israels, befindet sich in Jeremia 30 und 31, die zusammen eine einzige prophetische Botschaft bilden. Hier Jeremia 30, 1-2: „Dies ist das Wort, das vom HERRN an Jeremia erging, indem Er sprach: So spricht der HERR, der Gott Israels, indem Er sprach: Schreibe dir alle Worte, die ich zu dir geredet habe, in ein Buch!“ In diesen beiden einleitenden Versen wird gemäß dem hebräischen Originaltext ein Punkt fünfmal wiederholt: Gott spricht. Tatsächlich wird alle paar Verse im gesamten Text der Kapitel 30 und 31 darauf eingegangen, dass Gott spricht – 38 Mal, um genau zu sein! Warum so oft?

Einfach, damit wir wissen, dass diese Prophetie Gottes Reden ist. Und zwar unmissverständlich. Gott selbst beschließt, diesen Punkt in dieser Prophetie (und in vielen andern) zu betonen. Vielleicht tat er es genau deshalb, weil er wusste, dass in künftigen Generationen Menschen genau das Gegenteil behaupten werden. Sie werden es abstreiten, dass Gott Israel wieder aufbauen wird. Sie werden den Text ändern, ihn vergeistlichen und Israel ersetzen. Sie werden an Seinem Wort herumbasteln.

Viele moderne Bibelübersetzer haben weggelassen, was sie als überflüssig erachten – wie hier, und sie kommen regelmäßig auf weniger als 38 an der Zahl. Sie halten solche Wiederholungen für unnötig und für veraltet. „So sprachen die Menschen damals“, sagen sie. Und wagen es sogar, Gottes direkte Rede zu verkürzen, als enthielte sie überflüssige Worte, die Er nicht beabsichtigte.

Wenn Gott etwas 38 Mal sagt, dann meint Er es. Gott wiederholt sich nicht unnötigerweise. Er stottert nicht. Er braucht keine „Ähms“ und „Ähs“ wie wir Menschen. „Alle Worte Gottes sind durchläutert“ (Spr. 30, 5), das heißt, jedes Wort ist rein, von großem Wert, wie Gold. Er wählte seine Worte perfekt und mit Bedacht. Kein einziges seiner Worte ist überflüssig. Mit anderen Worten, Gott sagt: „Ich sage Euch wieder und wieder, dass ich Israel wiederherstellen werde.“

Jeder Buchstabe ist bedeutungsvoll

Die Rabbiner sagen, jedes Wort und jeder Buchstabe von Gottes Wort ist maßgeblich und von Bedeutung. In 5. Mose 8, 3 heißt es: „… dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des Herrn geht.“ Jesus zitierte denselben Vers: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht“ (Matt. 4, 4). Jedes Wort, das Gott spricht, ist Nahrung und lebenserhaltend.

Es gibt sogar ein buchstäbliches Beispiel dafür. Erinnert Euch daran, dass Mose 40 Tage und Nächte auf dem Berg Sinai verbrachte, wo er Gottes Gesetz für Israel empfing. Mose hat die ganze Zeit nicht gegessen oder getrunken, und doch hat er überlebt. Er bekam Lebenskraft, während Gott zu ihm sprach. Gottes Wort, jedes Wort davon, ist essentiell für die menschliche Existenz. So kraftvoll ist es. Und das ist keine Übertreibung. Denkt daran, dass Gott nur ein paar Worte sprach, um das ganze Universum und alles Leben darin zu schaffen. „Und Gott sprach: ‚Es werde Licht!‘ Und es wurde Licht“ (1. Mo. 1, 3).

Und nicht nur jedes Wort, das Gott spricht, ist wichtig, sondern auch jeder Buchstabe, und mehr noch. Jesus sagte: „Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis dass es alles geschehe“ (Mt. 5, 17-18).

Der kleinste Buchstabe des hebräischen Alphabets heißt „Jod“, er ähnelt einem Apostroph.   „Tüttel“ bezieht sich auf die kleinen Häkchen oder Schnörkel (verzierende Kronen),  die man auf bestimmten hebräischen Buchstaben in den handgeschriebenen Schriftrollen findet. Mit anderen Worten, Jesus sagte, auch der kleinste Teil des kleinsten hebräischen Buchstabens wird nicht vom Gesetz entfernt. Jesus erwähnte auch die Propheten. Sogar die Worte der Propheten werden sich bis ins kleinste Detail erfüllen.

Und bezüglich der Zeichen der Endzeit sagte Jesus: „Wacht“, oder „Wacht und betet.“ Er erwartete, dass die Menschen sich der „Zeichen der Zeit“ bewusst sind. Sich auf das Buch Daniel beziehend, sagte Jesus: „Wenn ihr dies geschehen seht …“ (Mk. 13, 14). Diese Ereignisse und die Gleichnisse vom Feigenbaum und von den 10 Jungfrauen mahnen die Christen, die prophetischen Zeichen zu erkennen und bereit zu sein. Prophetie ist ein „Licht, das in einem dunklen Ort scheint“. Es befähigt die Menschen dazu, die Welt zu verstehen, in der sie leben. Es ist nicht abhängig oder Ergebnis von eigener Interpretation oder Initiative. Ihr tut gut daran, dem Beachtung zu schenken (vgl. 2. Petr. 1, 19-21).

Gott hat keinen „Plan B“

„Also soll das Wort, so aus meinem Munde geht, auch sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, was mir gefällt, und soll ihm gelingen, dazu ich´s sende (Jes. 55, 11). Das heißt, wenn Gott Israel versprochen hat, dass er die im Exil Lebenden zurückbringen und die in Trümmern liegenden Städte Israels aufbauen wird, dann wird genau das mit Israel geschehen – in Israel! Nicht anderswo, und nicht mit einer anderen Gruppe, die Israel ersetzt. Gottes Wort ist kraftvoll. Er hat keinen „Plan B“. Er hält seine Pläne aufrecht, bis erreicht ist, was er durch sie vorgesehen hat (Jer. 30, 24).

Die Prophetie zu umgehen oder ihre beabsichtigte Bedeutung zu ersetzen, ist keine legitime Option für den Bibelgläubigen. Es ist Gottes Wort, und selbiges zu verstehen, ist essentiell für unsere Existenz.

(Im Teil II werden wir spezifische Prophetien näher beleuchten auch Kontroverses, um die aktuellen und zukünftigen Ereignisse besser zu verstehen.)