– War Jesus uneins mit den Rabbinern?

Gabriel A. Goldberg, M.A.

Zu oft wurde von christlichen Bibelauslegern die Bergpredigt als Lektion der Überlegenheit von Jesu Lehre über die der Rabbiner angesehen, als Darstellung der Gesetze Christi über denen des Mose. Oder frei heraus, als wäre das Christentum dem Judentum überlegen.

Die heutige Sicht ist differenzierter, doch die vorherrschende Meinung ist die, dass Jesus von der herkömmlichen Weisheit seiner Zeit abwich. Er wich sogar von Prinzipien der Thora oder dem Gesetz ab, indem er Alternativen vorschlug.

Das scheint einzuleuchten, wenn man bedenkt, dass Jesus 6 Mal gegensätzliche Aussagen machte, die anfingen mit „Ihr habt gehört, dass gesagt ist“ und endeten mit, „ich aber sage euch.“ Zum Beispiel: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Auge um Auge und Zahn um Zahn!‘ Ich aber sage euch: Widerstrebet nicht dem Übel, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar“ (Matt. 5, 38-39).

Dem gewöhnlichen, mit dem jüdischen Kontext nicht vertrauten, Zuhörer kommen diese und die anderen 5 ähnlichen Äußerungen so vor, als sei ein früherer Standard schlechter, nicht korrekt, ungültig, oder sogar falsch, und sei durch etwas Besseres ersetzt worden.

Doch ist das nötigenfalls so?

Aufrecht erhalten oder umkrempeln?

Ein Problem dieser traditionellen Interpretation wird früh in der Predigt deutlich. Jesus stellt den Gegensätzen Folgendes voran: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (5, 17). Er kam, um das Gesetz und die Propheten aufrecht zu erhalten, sich entsprechend zu verhalten.

Einige christliche Bibelausleger konzentrieren sich zwar auf das Wort „erfüllen“. Er erfüllte, sagen sie, den Zweck des Gesetzes durch die Kreuzigung, wurde zum vollkommenen Opfer für die Sünden der gesamten Menschheit, beseitigte die Modalitäten des Tempelopfersystems und, in Erweiterung dessen, das ganze Gesetz. Die Bedeutung des Wortes „erfüllen“ wird modifiziert; es meint nicht länger gesetzentsprechendes Verhalten, was das Gesetz unterstreichen würde, sondern meint nun eine einzige Handlung, die ein Ziel erreicht, und damit die Notwendigkeit des Gesetzes außer Kraft setzt.

Viele Christen würden dazu „Amen“ sagen, dies hat jedoch eine gänzlich andere Konnotation als die vorangegangenen Worte, „denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz aufzulösen.“ Im Wesentlichen würde das zu einem Widerspruch führen: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz abzuschaffen, sondern um das Gesetz abzuschaffen.“ Und der Punkt war, wie Jesus zu verstehen gab, das Gesetz nicht zu beseitigen.

Die früheste Praxis

Eine weitere Schwierigkeit: Die erste Gemeinschaft jüdischer Nachfolger Jesu „eiferte für das Gesetz“, und das lange nach der Kreuzigung. Als das Gerücht umging, Paulus würde die Juden lehren, das Gesetz nicht zu befolgen (ein Gerücht, das Viele heute noch glauben), baten ihn die Ältesten in Jerusalem, die Ankläger mundtot zu machen, indem er öffentlich bestätigte, dass er selbst ordentlich wandelte und das Gesetz befolgte, und Paulus ging bereitwillig darauf ein (Apg. 21, 20-26). Es ist offensichtlich, dass die, welche am nächsten an der Lehre Jesu dran waren, eine ganz andere Sicht hatten als spätere Generationen nichtjüdischer Ausleger des Neuen Testaments.

Jesus sagte: „Denn wahrlich, ich sage euch: ‚Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota noch ein Tüttel vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist‘“ (V. 18). „Jota“ bezieht sich auf den kleinsten hebräischen Buchstaben, das Jod, das einem Apostroph ähnelt. „Tüttel“ bezieht sich auf die dekorativen Verschnörkelungen eines Thoraschreibers oder auf ein kleines Strichlein, das in der Heiligen Schrift über besonderen hebräischen Buchstaben gesetzt wird.

Mit anderen Worten sagte er, nicht das kleinste Detail des Gesetzes (und der Propheten), nicht einmal ein Buchstabe, oder ein Teil eines Buchstabens, werden vergehen bis zum Ende der Tage. Das ist zweifellos klar ausgedrückt. Jesus verficht hier die Besonderheit und Genauigkeit in Bezug auf das Gesetz und die Propheten, im Gegensatz zur Methodik von Theologen der Enterbungslehre (Ersatztheologie).

Es gibt keinen Zweifel, dass der als Jude geborene Jesus dafür war, das Gesetz des Mose, das als von Gott befohlene Lebensweise besteht, zu befolgen. Er sagte: „Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Leute so lehrt, der wird der Kleinste genannt werden im Himmelreich; wer sie aber tut und lehrt, der wird groß genannt werden im Himmelreich“ (Matt. 5, 19). Später hatten die Ältesten in Jerusalem die Erkenntnis, dass die heidenchristlichen Nachfolger Jesu von der Einhaltung der Fülle der Gesetze ausgenommen werden sollten (Apg. 15, 20.29; 21, 25).

Der vergessene jüdische Kontext

Die Zuhörer Jesu waren Juden. Seine Worte in Vers 18 hörten sich sehr vertraut für sie an. Vielleicht zur Überraschung (oder sogar zum Entsetzen) vieler christlicher Leser, zitierte Jesus einen bekannten Ausspruch von einer sich wiederholenden Midrasch, einer rabbinischen Predigt, in diesem Fall verwandt mit einer „Geschichte eines Predigers.“

Hier die Quintessenz dieser fantasievollen Midrasch: Der Buchstabe Jod, abgeleitet vom hebräischen Wort „jarbeh“, was „vervielfachen“ bedeutet (aus 5. Mo. 17, 17), ging in den Himmel, um sich bei Gott zu beschweren, dass Salomo die Thora Buchstabe für Buchstabe demontiere. Seine Geringschätzung des Königsgesetzes, zum Beispiel bezüglich der „Vervielfachung von Frauen“, bedrohe die Gesamtheit des Gesetzes. Gott antwortete dem Jod: „Salomo und eintausend wie er, werden vergehen, aber der kleinste Schnörkel wird nicht [aus der Thora] entfernt werden“ (Schemot Rabba 6, 2). Die Moral dieser Midrasch ist klar: Das kleinste Detail des Gesetzes wird bestehen bleiben. Wer dagegen verstößt, und sei er so mächtig oder weise wie Salomo, wird vergehen.

Indem Jesus die Geschichte des Jods (Jotas) und des Tüttels zitierte, verkündete er emphatisch, das Gesetz werde Bestand haben, zumindest bis Himmel und Erde vergehen. Und wie jeder, der dies liest, bestätigen kann, gehören Himmel und Erde noch nicht zur Vergessenheit. Für Jesus war diese Beständigkeit, wie in den rabbinischen Predigten ausgedrückt, eine absolute Wahrheit. Bedenke, er sagte: „Wahrlich, ich sage euch“ und fuhr dann mit dem Zitieren der Midrasch fort.

Zurück zur Fragestellung der Absicht Jesu. Tat er dies, um das Gesetz des Mose zu ändern, von „Auge um Auge“ hin zu „so biete ihm auch die andere Backe dar“? Angesichts des jüdischen Kontexts muss man, glaube ich, mit einem entschiedenen „Nein“ antworten. Wie muss man denn dann die gegensätzlichen Äußerungen, „Ihr habt gehört, dass gesagt ist“ und „ich aber sage Euch“, die eine Ersetzung nahelegen, verstehen? Die Antwort folgt im Teil II, und wird, in ihrem jüdischen Kontext, ebenfalls überraschend sein.

*rabbinische Predigt