Als Abraham das Messer erhob, um seinen Sohn Isaak auf dem Altar zu schlachten, rief der Engel des HERRN zu Abraham: „Strecke deine Hand nicht aus gegen den Jungen, und tu ihm nicht das Geringste! Denn nun weiß ich, dass du gottesfürchtig bist, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht verweigert hast“ (1. Mo. 22, 12).

Christen bezeichnen diese Begebenheit als die „Opferung Isaaks“. In christlicher Hermeneutik ist sie eine symbolische Andeutung des Opfertodes Jesu nach Joh. 3, 16. Juden nennen sie Akeda (hebr. für „Fesselung“), denn Abraham band Isaak zwar, opferte ihn aber letztlich nicht. Das Thema hat eine bedeutungsvolle Bezugnahme bei den Bittgebeten in den Hohen Feiertagen, wenn es um Abrahams Verdienst im Gehorsam und Isaaks stille Einwilligung als Opfer geht.

Ich will weder eine Rosch-HaschanaDrascha noch Sonntagspredigt bringen, sondern auf bescheidene Weise folgende Fragen behandeln: Warum prüfte Gott Abraham? Und warum ausgerechnet so?

Die erste Frage scheint bereits im oben zitierten Vers beantwortet zu sein. Abraham bestand die sehr schwierige Prüfung; nun wusste Gott, er war gottesfürchtig.

Ein Mann mit Gottesfurcht

„Gottesfurcht“ (hebr. Yirat Elokim, oder auch Yirat Schamajim, „Furcht vor dem Himmel“) meint die religiöse Haltung der Ehrerbietung, und nicht tatsächliche Furcht oder Angst. Die meisten Menschen meiden, was ihnen Angst macht, doch genau das ist offensichtlich nicht gewollt in der Beziehung zu Gott. Gottesfurcht ist am besten im Sinne einer ständigen Anerkennung von Seiner Größe – Ehrfurcht – zu verstehen, mit allem, was daraus folgt. Sie zeigt sich im Verhalten, insbesondere im Gehorsam Gottes Geboten gegenüber und darin, dass man nach den moralischen, ethischen und anderen Richtlinien lebt, die Er vorschreibt. Doch es geht nicht nur um Vorschriften.

Ein weiterer Aspekt ist der, gemäß Gottes Verheißungen zu leben. Dafür muss man Seinen Zusagen glauben und vertrauen. Gott sagte, „der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben“ (Hab. 2, 4).

Doch hatte Abraham nicht bereits seinen Gehorsam bewiesen? Hatte er nicht schon seinen Glauben gezeigt? 75-jährig nahm Abraham seine Familie und verließ Haran, um nach Kanaan zu ziehen, wie Gott befohlen hatte. Das war Gehorsam und erforderte Glauben. Später, als Gott ihm die Sterne am Himmel zeigte, und ihm Seine Verheißungen erneut zusprach, heißt es in der Bibel, Abraham glaubte dem HERRN und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit” (1. Mo. 15, 6).

Warum also war es notwendig zu prüfen, ob Abraham Gott fürchtete oder nicht? Sollten wir das nicht annehmen nach allem, was wir bereits von Beginn der Erzählung über Abraham wissen?

Ein Mann mit Menschenfurcht

Es gibt ein Gegenstück zur Gottesfurcht, das ihr entgegensteht und regelmäßig bedenklichen Einfluss auf die Menschen hat. Abraham, der große Glaubensmann, hatte auch damit zu kämpfen – es ist die Menschenfurcht.

Trotz früherer Glaubensbeweise zweifelte Abraham manchmal an Gottes Schutz und den Zusagen Seiner Bundesverheißungen. Zweimal fürchtete er ernsthaft um sein Leben (12, 12-13; 20, 11). Während seiner vorübergehenden Aufenthalte in der Fremde dachte er, aus Mangel an Gottvertrauen, Ortsansässige würden ihn töten und seine Frau Sarah für sich selbst beanspruchen. Daher verheimlichte er ihnen seine Ehe und gab sie als seine „Schwester“ aus, was zu Konfrontationen mit dem Pharao Ägyptens und dem Philisterkönig Abimelech führte. Abrahams Bedenken waren gerechtfertigt, denn in beiden Fällen nahmen sich die Ortsansässigen Sarah.

Statt zu berechnen, wie er geschickt sein Überleben in den unmoralischen Gesellschaften der Ägypter und Philister sichern könnte, hätte Abraham im Glauben handeln und an Gottes Verheißungen, an den Bund, glauben sollen. Da ihm zahlreiche Nachkommen verheißen waren, hätte er wissen sollen, Gott würde es nicht zulassen, dass er von den Ägyptern oder Philistern getötet würde, zumindest nicht, ehe er Kinder hätte. (Isaak war noch nicht geboren.) Auch hatte Gott Abraham zwischen den Begebenheiten mit dem Pharao und Abimelech verkündet: „Ich bin dein Schild“ (15, 1). Und schließlich griff Gott um Abrahams willen ein und schlug den Pharao, Abimelech und deren Haushalte mit Krankheit, um einen Missbrauch Sarahs zu verhindern. Mindestens bei dem zweiten derartigen Ereignis hätte Abraham Glauben zeigen sollen.

Falsche Hoffnung durch einen Vertrag

Zu anderer Gelegenheit hatte er einen Vertrag mit Abimelech geschlossen, um einen Disput über Territorial- und Wasserrechte zu beenden und gute Beziehungen aufrecht zu erhalten, obwohl Gott Abraham das Land bereits durch einen Bund verheißen hatte. Abimelech verlangte einen Vertrag, der mindestens über 3 Generationen dauern sollte (bis zu den Söhnen seiner Söhne, 1. Mo. 21, 23).

Abimelech tadelt Abraham (Wenceslas Hollar, 1607-1677).
Abimelech tadelt Abraham (Wenceslas Hollar, 1607-1677).

Abraham hätte verlangen sollen, dass Abimelech seine plündernden Schafhirten in den Griff bekam, ohne ein Abkommen zu machen, mit dem er in der Tat sein Recht auf Teile des Verheißenen Landes aufgab. Der Vertrag beinhaltete, dass Abraham und Abimelech nicht in das Territorium des Anderen eindrangen. Einige traditionelle rabbinische Ausleger werten dieses Rechtsgeschäft Abrahams als Sünde.

Abraham, dessen Schicksal Gott in der Hand hielt, war in einer Position der Stärke. Abimelech jedoch war schwer krank. Er brauchte Abrahams Gebet, damit seine Gesundheit und die seines Haushaltes wieder hergestellt wurde (20, 7. 17-18). Trotz alledem willigte Abraham in dieses Abkommen ein und unterwarf sich dessen Bedingungen, statt im Glauben an Gottes Verheißungen zu handeln. Er machte seinen zukünftigen Frieden und Erfolg von einer temporären Vereinbarung mit sterblichen Menschen abhängig und vergaß den größeren göttlichen Bund.

Einige linksgerichtete, moderne Theologen sprechen zwar anerkennend von Abrahams Versuch, die Harmonie aufrecht zu erhalten, von seiner beispielhaften Bereitschaft zu verhandeln und sogar Land für Frieden abzugeben, doch die korrekte Lesart dieser Begebenheit zeigt, dass der Friedensvertrag ein Betrug war. Er hielt gerade einmal eine Generation, ehe die Philister ihn brachen, indem sie die Brunnen von Abraham verstopften (26, 15-21) und so Isaak zwangen, die Sache mit eben jenem Abimelech neu zu verhandeln (Verse 28-31). Wenn Menschen der Moderne daraus politische Lektionen für unsere Zeit lernen wollen, dann passt dieses Ereignis vielleicht besser in die Rubrik „Naivität à la Chamberlain“ als „Opfer für Frieden“.

Den Verheißungen Gottes trauen

Die Erzählung über Abraham in 1. Mose umfasst 100 Jahre seines Lebens (vom 75. bis zum 175. Lebensjahr). Auf den ersten Blick scheinen die verschiedenen Begebenheiten, unzusammenhängend und völlig unterschiedlich zu sein. Wir könnten uns fragen, warum von den vielen Dingen, die sich in diesen 100 Jahren ereignet haben müssen, die Bibel ausgerechnet diese erwähnt. Doch so langsam sehen wir ein Thema, das sich von der Berufung Abrahams bis zum Ende seines Lebens durchzieht, und verschiedene Begebenheiten miteinander verbindet.

The Bible (1)Abrahams Glaubensreise verlief ungleichmäßig. Es gab Momente herausragenden Glaubens, dabei bildete der vorbildhafte Umgang mit dem Opfer auf dem Morijaberg die Krönung. Zwischendrin jedoch gab es Zeiten, in denen es scheint, Abraham fürchte die Menschen mehr als Gott. Das heißt, sein Handeln war eher von seinen Ängsten bestimmt, als von Gottes Zusagen, die jegliche potenzielle Bedrohung Sterblicher zunichtemachen. Die genannten Glaubensaussetzer Abrahams betrafen den eigentlichen Kern von Gottes Bund mit ihm. Insbesondere sind dies: 1. Die Verheißungen bezüglich der Nachkommen und 2. Das Land.

Daher prüfte Gott Abraham mit dieser speziellen Prüfung. Die potenzielle Opferung Isaaks zwang Abraham, sich offen seinen Ängsten zu stellen und die Verheißungen Gottes unmittelbar ins Auge zu fassen – ein für alle Mal. Glaubte Abraham an den Bund? Würde er sich weiterhin von seinen Ängsten, seinen menschlichen Berechnungen bestimmen lassen, oder würde er Gottes Verheißungen trauen? Nach menschlichen Berechnungen hätte die Tötung Isaaks für Abraham jegliche Möglichkeit, ein großes Volk zu werden oder das Land zu erwerben, zunichte gemacht. Genau diese beiden Punkte hatte Abraham mit seiner Menschenfurcht infrage gestellt. Isaak war der verheißene Nachkomme (17, 19), Abrahams einziger Sohn (22, 2). Die Zukunft ruhte auf ihm. Ohne ihn hätte die Abstammungslinie geendet.

Auf der anderen Seite, wenn er Gott glaubte und Ihn fürchtete und sein Verhalten Gottes Verheißungen anpasste, würde Abraham erfahren, dass allen menschlichen Tatsachen und Berechnungen zum Trotz, der göttliche Plan nicht behindert werden kann.

Eine Lektion für unsere Zeit

Es ist sicher angemessen, von den Ereignissen in Abrahams Leben Glaubenslektionen abzuleiten. Sie sind wohlbekannt, richtig und gelten für Juden und Christen. In dieser Erörterung geht es darum, Gott mehr zu fürchten als Menschen.

Schwedens Außenministerin Margot Wallström mit Palästinenserführer Mahmoud Abbas
Schwedens Außenministerin Margot Wallström mit Palästinenserführer Mahmoud Abbas

Wie oft verhalten wir uns auf eine bestimmte Art und Weise, weil wir Angst haben, was Andere von uns denken oder sagen? Doch sobald wir nicht mehr in der Öffentlichkeit sind, verhalten wir uns so, als würde uns keiner sehen. Wir fürchten die Menschen mehr als Gott. Das mag für moralische Dinge zutreffen, aber auch für andere Gehorsamsschritte, welche die Bibel uns lehrt.

Ich möchte unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, Gott zu fürchten, indem wir gemäß Seiner Verheißungen leben. Dazu ein Beispiel, was heute besonders relevant ist. Es gibt ein altes jüdisches Prinzip zum Verstehen der in der Bibel erfassten Ereignisse. Auf Hebräisch heißt es: „Ma-asseh awot siman labanim.“ Auf Deutsch: „Die Taten der Väter sind den Kindern ein Zeichen.“ Das heißt, wir werten das Handeln unserer Vorväter als Richtschnur für moralisches, ethisches und religiöses Verhalten für unser Leben heute. Der Satz wird auch prophetisch gedeutet: Die Ereignisse, die unsere Vorväter durchlebten, wiederholen sich auf gewisse Weise in den nachfolgenden Generationen. Ich denke, beide Interpretationen lassen sich auf Folgendes anwenden:

Gott hat seinen Bund mit Israel nicht aufgehoben. Trotz 2000-jährigem Exil besteht die Verheißung, uns wieder in das Land zurückzubringen. Das geschieht jetzt. Doch noch immer scheinen Viele von uns so unentschlossen zu sein wie Abraham.

Obwohl viele Juden an Gott und die Erfüllung von Prophetie glauben, sind einige noch nicht bereit, nach Israel einzuwandern. Sie handeln nicht ihren Überzeugungen gemäß. Andere, die hier in Israel leben, sind bereit, Teile ihres von Gott gegebenen Landes abzugeben, um einen temporären, falschen Frieden zu erkaufen. Einige empfinden unsere Sicherheit sei an die Unterstützung Amerikas, an Allianzen und Verträge gebunden. Oder unser wirtschaftliches Wohlergehen sei vom amerikanischen, europäischen – und zunehmend vom chinesischen – Handel abhängig.

Wir fürchten die Menschen mehr als Gott. Statt mit Glauben an Gottes Bundesverheißungen unser Land aufzubauen – alles davon – erliegen wir dem Druck aus Washington oder Brüssel und stoppen den Wiederaufbau antiker Städte. Unsere politischen Führer fürchten wirtschaftliche und andere Repressalien. Und ja, wie bei Abraham unter den Philistern, leben auch wir in unserer Region mit einer entarteten Kultur zusammen, die Kinder ermutigt, Terroristen zu werden, die uns töten und mit Messern und anderen Mitteln verstümmeln, um von uns wegzunehmen, was uns gehört.

Letztlich werden unsere der Menschenfurcht entspringenden menschlichen Berechnungen, welche die politische Windrichtung und rasant wechselnden Bedingungen zu deuten versuchen, scheitern. Doch Gott wird eingreifen und uns retten. Wir müssen dahin kommen, nicht nur einen gewissen Glauben zu haben, sondern diesen Glauben wirklich auszuleben und Gottes Verheißungen gemäß zu leben. Wir müssen keine Vereinbarungen mit denen unterzeichnen, die beabsichtigen, sie zu brechen, während sie aushecken, das Ganze zu nehmen. Wir können um Heilung beten für Abimelech, Präsident Barack Obama, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, oder sogar die schwedische Außenministerin Margot Wallström. Doch unser Vertrauen gilt Gottes Verheißungen, und nicht den freundlichen Zusagen dieser politischen Führer oder deren manchmal nicht so freundlichem Rat. Juden müssen nach Israel zurückkehren, Alija machen. Wir müssen bauen.

Das Gleiche gilt für unsere christlichen Freunde. Ich hoffe, auch sie werden von passiver Unterstützung Israels hinkommen zu öffentlicher Aktion, worin sich der gelebte Glaube ausdrückt. Christen, welche die Verheißungen Gottes an Israel kennen, wissen, dass auch sie Teilhaber von Segnungen sein können. Die Prüfungen unserer Freunde werden sehr viel schwieriger, wie auch für Israel. Gott lässt jedem die freie Wahl. Doch, ob wir uns entscheiden, auf den Berg Morija zu gehen, oder nicht, Gottes Plan wird nicht behindert werden.